Wie entstand unser Weltall? Eine Reise vom Mythos bis zum Urknall

13,8 Milliarden Jahre Geschichte, unzählige Sterne und eine Frage, die uns Menschen seit Jahrtausenden beschäftigt: Woher kommt eigentlich alles?

Es gibt Nächte, in denen ich einfach nur nach oben schaue und mir denke: Das kann doch nicht alles Zufall sein. Milliarden Sterne, Galaxien, riesige Gasnebel und irgendwo mittendrin ein kleiner blauer Planet, auf dem wir leben.

Und dann kommt zwangsläufig diese eine Frage: Wie hat das eigentlich alles angefangen?

Woher kommen die Sterne? Woher stammt die Materie, aus der unsere Erde besteht? Und was war da, bevor es überhaupt einen Himmel gab?

Die Menschheit beschäftigt sich seit Jahrtausenden mit diesen Fragen. Unsere Vorfahren erzählten Geschichten von Göttern, gewaltigen Urmeeren und einem ursprünglichen Chaos. Heute richten wir riesige Teleskope ins All, messen uralte Strahlung und versuchen mithilfe der Physik, die Geschichte des Universums zurückzuverfolgen.

Wir können erklären, wie sich die ersten Atomkerne bildeten, warum irgendwann Sterne entstanden und weshalb das Weltall noch immer wächst. Aber eines vorweg: Was den eigentlichen Anfang ausgelöst hat, wissen wir bis heute nicht.

Vielleicht ist genau das der faszinierendste Teil dieser Geschichte. Begleite mich auf eine Reise. Wir beginnen lange vor den ersten Teleskopen, besuchen die alten Mythen der Menschheit und reisen anschließend rund 13,8 Milliarden Jahre zurück – dorthin, wo unsere gesamte kosmische Geschichte ihren Ursprung hat.


1. Als die Menschen begannen, den Himmel zu erklären

Stellen wir uns einmal vor, wir leben vor 5.000 Jahren. Es gibt keine Straßenbeleuchtung, keine Satelliten und natürlich auch keine Teleskope. Sobald die Sonne untergegangen ist, breitet sich über uns ein Sternenhimmel aus, wie ihn viele Menschen heute kaum noch kennen.

Die Milchstraße zieht sich als helles Band über den Himmel. Sterne wandern im Laufe der Nacht von Osten nach Westen. Der Mond verändert seine Gestalt, und hin und wieder taucht ein Komet auf. Für unsere Vorfahren musste das zugleich wunderschön und ein wenig unheimlich gewesen sein.

Sie beobachteten den Himmel aufmerksam. Schließlich hing einiges davon ab: die Jahreszeiten, die Aussaat, die Ernte und die Orientierung auf langen Reisen. Doch mit der Beobachtung kamen auch Fragen: Warum geht die Sonne jeden Morgen auf? Weshalb verschwinden die Sterne am Tag? Und wer hat überhaupt die Welt erschaffen?

Die Antworten waren zunächst keine wissenschaftlichen Theorien. Es waren Geschichten, die über Generationen weitergegeben wurden. Und einige davon sind wirklich bemerkenswert.

Die Babylonier – als die Welt aus einem Urmeer entstand

Eine der bekanntesten frühen Schöpfungserzählungen stammt aus Mesopotamien, einer Region, die heute größtenteils im Irak liegt. Im babylonischen Schöpfungsepos Enūma eliš existierten anfangs weder Himmel noch Erde in ihrer späteren Gestalt.

Stattdessen gab es die ursprünglichen Wasser: Apsû, verbunden mit dem Süßwasser, und Tiamat, die das salzige Urmeer verkörperte. Aus ihnen gingen weitere Götter hervor. Es kam zu Konflikten und schließlich zu einem gewaltigen Kampf zwischen Marduk und Tiamat. Marduk besiegte Tiamat und formte aus ihrem Körper die geordnete Welt.

Für uns klingt das heute wie eine fantastische Geschichte. Doch die Menschen versuchten damit, Ordnung in etwas zu bringen, das sie nicht verstehen konnten. Aus einem ursprünglichen Zustand entstand eine Welt mit Himmel, Erde und festen Regeln. Interessanterweise begegnet uns diese Grundidee später auch in ganz anderen Kulturen.

Die Griechen – am Anfang war das Chaos

Auch die alten Griechen beschäftigten sich intensiv mit dem Ursprung der Welt. Der Dichter Hesiod beschrieb in seiner Theogonie, dass am Anfang Chaos stand. Dabei bedeutete Chaos nicht einfach Unordnung im heutigen Sinne. Gemeint war eher ein ursprünglicher, klaffender Zustand, aus dem weitere Wesen und Bereiche der Welt hervorgingen.

Dann entstanden unter anderem Gaia, die Erde, und weitere ursprüngliche Mächte. Die griechische Mythologie erklärt die Entstehung der Welt also nicht durch einen einzigen Schöpfungsakt, sondern durch eine Folge von Entwicklungen und göttlichen Generationen.

Später begannen griechische Naturphilosophen, andere Antworten zu suchen. Sie fragten nicht mehr ausschließlich, welcher Gott für ein Ereignis verantwortlich war. Sie wollten verstehen, welche Gesetzmäßigkeiten hinter den Vorgängen in der Natur stecken. Das war ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur Wissenschaft.

Die nordische Mythologie – Feuer trifft auf Eis

In der nordischen Schöpfungsüberlieferung begegnen wir einem anderen Anfang. Dort existierte die gewaltige Leere namens Ginnungagap. Auf der einen Seite lag das eisige Niflheim, auf der anderen das feurige Muspelheim.

Als Kälte und Hitze aufeinandertrafen, entstand der Urriese Ymir. Später erschufen die Götter aus seinem Körper die Welt. Auch hier begegnet uns die Vorstellung, dass unsere geordnete Umgebung aus einem ursprünglichen Zustand hervorgegangen ist.

Natürlich liefern diese Mythen keine physikalischen Erklärungen. Sie entstanden aus den Weltbildern, Erfahrungen und Traditionen ihrer Zeit. Aber ich finde bemerkenswert, dass Menschen an so unterschiedlichen Orten dieselbe grundlegende Frage stellten: Wie konnte aus etwas Ursprünglichem unsere Welt entstehen? Genau diese Frage treibt die moderne Kosmologie noch immer an.

2. Vom göttlichen Himmel zum beobachtbaren Universum

Viele Jahrhunderte lang glaubte man in Europa, die Erde befinde sich im Mittelpunkt des Kosmos. Die Sonne, der Mond, die Planeten und die Sterne sollten sich um uns bewegen. Dieses geozentrische Weltbild wurde besonders durch die Arbeiten des Astronomen Claudius Ptolemäus geprägt.

Für die damalige Zeit war das durchaus nachvollziehbar. Wenn ich heute draußen stehe, scheint sich schließlich ebenfalls der gesamte Sternenhimmel um die Erde zu drehen. Unsere tatsächliche Bewegung spüren wir nicht. Erst durch genauere Beobachtungen und neue mathematische Modelle änderte sich dieses Verständnis.

Nikolaus Kopernikus verändert unser Weltbild

1543 erschien das berühmte Werk von Nikolaus Kopernikus über die Bewegungen der Himmelskörper. Darin beschrieb er ein Modell, in dem die Erde und die anderen bekannten Planeten um die Sonne kreisen. Damit war die Erde nicht mehr das Zentrum des Planetensystems.

Die Idee einer sich bewegenden Erde war nicht völlig neu. Schon in der Antike hatte Aristarch von Samos ein heliozentrisches Modell vorgeschlagen. Doch Kopernikus machte daraus ein umfassenderes mathematisches System.

Wenig später richtete Galileo Galilei sein Fernrohr zum Himmel. Er beobachtete unter anderem die Monde des Jupiter und die Phasen der Venus. Beides lieferte wichtige Hinweise gegen die Vorstellung, dass sich grundsätzlich alle Himmelskörper um die Erde bewegen müssten.

Johannes Kepler beschrieb die Planetenbahnen mathematisch, und Isaac Newton lieferte später mit seinem Gravitationsgesetz die physikalische Grundlage. Plötzlich war der Himmel nicht mehr ausschließlich eine Bühne für göttliche Kräfte. Er wurde zu einem Ort, dessen Bewegungen sich berechnen ließen.

Allerdings blieb eine gewaltige Frage offen. Selbst wenn wir wussten, wie sich Planeten bewegen: Woher kamen die Sonne, die Sterne und der Raum, in dem sich alles befindet?

3. Die unglaubliche Entdeckung: Unser Weltall steht nicht still

Springen wir in das frühe 20. Jahrhundert. Inzwischen sind die Teleskope deutlich leistungsfähiger geworden. Astronomen untersuchen sogenannte Spiralnebel und versuchen herauszufinden, ob sie zu unserer Milchstraße gehören.

Edwin Hubble konnte mithilfe von veränderlichen Sternen zeigen, dass der Andromedanebel weit außerhalb unserer eigenen Galaxie liegt. Das war eine gewaltige Erkenntnis. Unsere Milchstraße war nicht das gesamte Universum. Sie war nur eine von vielen Galaxien.

Astronomen untersuchten das Licht ferner Galaxien. Dabei zeigte sich, dass die Spektrallinien vieler Galaxien zu längeren, röteren Wellenlängen verschoben waren. Diese sogenannte Rotverschiebung lässt sich im kosmologischen Zusammenhang durch die Ausdehnung des Raumes erklären. Während Licht durch das expandierende Universum reist, wird seine Wellenlänge gedehnt.

Je weiter eine Galaxie im Mittel entfernt ist, desto stärker fällt diese kosmologische Rotverschiebung aus. 1929 veröffentlichte Hubble eine grundlegende Beziehung zwischen den Entfernungen von Galaxien und ihren beobachteten Radialgeschwindigkeiten. Doch die theoretische Grundlage war schon vorher entstanden.

Georges Lemaître – der Priester, der den Urknall vorausdachte

Eine besonders interessante Persönlichkeit in der Geschichte der Kosmologie ist Georges Lemaître. Der Belgier war Physiker, Astronom und katholischer Priester.

1927 veröffentlichte er ein Modell eines expandierenden Universums. Er verband die Allgemeine Relativitätstheorie mit astronomischen Beobachtungen und erkannte, dass sich der Kosmos ausdehnen könnte. Schon 1922 hatte der russische Mathematiker Alexander Friedmann mathematische Lösungen für ein dynamisches Universum gefunden.

Lemaître ging später noch weiter. 1931 entwickelte er die Vorstellung eines ursprünglichen, extrem konzentrierten Zustands, den er als eine Art Uratom beschrieb. Die heutige Urknalltheorie ist wesentlich ausgefeilter als diese frühe Vorstellung. Dennoch war sie ein bedeutender Schritt.

Mich fasziniert besonders, dass ausgerechnet ein Mann, der sowohl Theologie als auch Physik studiert hatte, so entscheidend zur modernen Vorstellung vom Ursprung des Universums beitrug. Für Lemaître waren wissenschaftliche und religiöse Fragen unterschiedliche Bereiche, die man nicht einfach miteinander vermischen sollte.

Seine physikalische Idee führte zu einer weitreichenden Konsequenz: Wenn sich das Universum heute ausdehnt, muss es früher dichter gewesen sein. Je weiter wir die kosmische Entwicklung zurückrechnen, desto heißer und dichter wird der Zustand der Materie. Und damit kommen wir zum Urknall.

4. Der Urknall – eine Explosion, die keine gewöhnliche Explosion war

Hier müssen wir zunächst mit einem weitverbreiteten Missverständnis aufräumen. Wenn wir das Wort „Urknall“ hören, denken viele Menschen an eine riesige Explosion: Irgendwo mitten in der Dunkelheit gibt es einen Lichtblitz, und von diesem Punkt aus fliegen Sterne und Galaxien in alle Richtungen davon. Das sieht in Filmen beeindruckend aus. Aber genau so beschreibt die moderne Kosmologie den Urknall nicht.

Der Urknall war keine Explosion von Materie in einen bereits vorhandenen leeren Raum. Er beschreibt die frühe Entwicklung eines extrem heißen und dichten Universums, bei der sich der Raum selbst ausdehnte.

Das bedeutet auch, dass es keinen bekannten Mittelpunkt des Urknalls gibt, den wir heute mit einem Teleskop aufsuchen könnten. Die großräumige Expansion findet überall statt.

Ein häufig verwendetes Gedankenmodell ist die Oberfläche eines Luftballons. Stellen wir uns vor, auf seiner Oberfläche befinden sich viele Punkte. Während wir den Ballon aufblasen, entfernen sich die Punkte voneinander. Keiner dieser Punkte muss auf der Oberfläche der Mittelpunkt der Ausdehnung sein.

Wichtig ist dabei: Der Ballon ist nur eine Analogie. Das Universum ist keine zweidimensionale Ballonoberfläche, und wir müssen uns auch keinen Raum vorstellen, in den es sich hinein ausdehnt. Die Abstände zwischen weit voneinander entfernten, nicht gravitativ gebundenen Galaxien können wachsen, weil sich der Raum ausdehnt.

Unsere Erde, das Sonnensystem oder die Milchstraße werden deshalb nicht einfach größer. Dort halten andere physikalische Kräfte beziehungsweise die Gravitation die Systeme zusammen.

Wann begann das alles?

Nach unserem heutigen kosmologischen Standardmodell liegt der Beginn der heißen frühen Entwicklungsphase des Universums ungefähr 13,8 Milliarden Jahre zurück. Diese Altersangabe stammt unter anderem aus äußerst präzisen Messungen der kosmischen Hintergrundstrahlung.

Aber können wir damit behaupten, dass wir den absoluten Anfang von Raum und Zeit kennen? Nein. Unsere physikalischen Modelle beschreiben das frühe Universum sehr erfolgreich. Je weiter wir uns jedoch den allerersten Momenten nähern, desto größer werden die offenen Fragen.

Besonders dort, wo sowohl Quanteneffekte als auch die Gravitation entscheidend werden, fehlt uns noch eine vollständige Theorie. Manchmal taucht in vereinfachten Erklärungen das Bild einer unendlich dichten Singularität auf. Eine solche Singularität ergibt sich beim Zurückrechnen bestimmter klassischer Modelle. Sie ist aber kein experimenteller Beweis dafür, dass das Universum tatsächlich als mathematischer Punkt mit unendlicher Dichte existierte.

Es könnte auch bedeuten, dass unsere bisherige Theorie an ihre Grenzen stößt. Und was davor war? Darauf kommen wir später zurück.

5. Die ersten winzigen Sekunden – als unsere Physik an ihre Grenzen kommt

Versuchen wir nun, die Zeit gedanklich zurückzudrehen. Unsere Erde verschwindet. Die Sonne existiert nicht mehr. Auch die Milchstraße verliert ihre heutige Gestalt. Wir reisen durch Milliarden Jahre kosmischer Entwicklung, bis es keine Sterne und Galaxien mehr gibt.

Das Universum wird immer heißer und dichter. Irgendwann erreichen wir Zustände, die wir heute nur mithilfe anspruchsvoller physikalischer Modelle untersuchen können.

Die Planck-Zeit – eine Grenze unseres Wissens

In der Physik gibt es eine charakteristische Zeitskala von ungefähr 10⁻⁴³ Sekunden, die sogenannte Planck-Zeit. Das ist eine unvorstellbar kurze Zeitspanne. Sie markiert eine Größenordnung, bei der eine Theorie der Quantengravitation wichtig werden dürfte.

Allerdings bedeutet das nicht, dass wir genau wissen, was bei dieser Zeitmarke geschah. Wir wissen auch nicht, ob die Vorstellung einer gewöhnlichen Zeitachse bis zu einem absoluten Nullpunkt sinnvoll bleibt. Hier betreten wir einen Bereich, in dem es bisher mehr theoretische Ansätze als gesicherte Antworten gibt.

Die kosmische Inflation

Eine wichtige Idee der modernen Kosmologie ist die sogenannte Inflation. Sie beschreibt eine mögliche extrem kurze Phase, in der sich der Raum außergewöhnlich schnell ausgedehnt haben könnte. Nicht etwa, weil Materie schneller als das Licht durch den Raum geflogen wäre. Vielmehr könnte sich der Raum selbst in einem sehr frühen Stadium enorm vergrößert haben.

Diese Hypothese hilft dabei, mehrere Eigenschaften des beobachtbaren Universums zu erklären: Warum erscheint das Universum auf großen Skalen so gleichmäßig? Weshalb ist seine räumliche Krümmung nach bisherigen Messungen so gering? Und woher stammen die winzigen Dichteschwankungen, aus denen später Galaxien entstehen konnten?

Die Inflation bietet hierfür überzeugende theoretische Erklärungsansätze. Aber ganz wichtig: Sie ist noch nicht in allen Einzelheiten experimentell bestätigt. Insbesondere wissen wir nicht sicher, welcher physikalische Mechanismus eine solche Phase ausgelöst hätte.

6. Als das Universum noch keine Atome kannte

Nach der frühesten Entwicklungsphase war das Universum unglaublich heiß. Es gab noch keine Sterne, keine Planeten und keine chemischen Elemente in der Form, wie wir sie heute aus dem Alltag kennen. Stattdessen existierte eine dichte Mischung aus Strahlung und Elementarteilchen.

Quarks, Elektronen, Neutrinos und andere Teilchen spielten in dieser frühen Entwicklung eine entscheidende Rolle. Mit der fortschreitenden Expansion sank die Temperatur. Quarks konnten sich zu zusammengesetzten Teilchen wie Protonen und Neutronen verbinden. Damit waren wichtige Bausteine der späteren Atomkerne vorhanden.

Warum gibt es überhaupt Materie?

Hier wartet eines der großen ungelösten Rätsel der Physik. Nach unserem heutigen Verständnis können unter geeigneten Bedingungen Teilchen und Antiteilchen entstehen. Treffen entsprechende Teilchen und Antiteilchen aufeinander, können sie sich gegenseitig vernichten und ihre Energie beispielsweise in Strahlung umwandeln.

Doch warum blieb im frühen Universum überhaupt ein Überschuss an Materie zurück? Offenbar gab es Prozesse, durch die ein sehr kleiner Unterschied zwischen Materie und Antimaterie entstand beziehungsweise erhalten blieb. Ohne diesen Überschuss gäbe es die heutige materielle Welt nicht in der bekannten Form.

Die Physik kennt mögliche Erklärungsansätze, aber die genaue Ursache dieser sogenannten Baryonenasymmetrie ist weiterhin ungeklärt. Eigentlich erstaunlich: Die Existenz sämtlicher Sterne, Planeten und Lebewesen hängt mit einem winzigen Ungleichgewicht in der frühen kosmischen Geschichte zusammen.

7. Die ersten drei Minuten – Wasserstoff und Helium entstehen

Einige Minuten nach dem Beginn der heißen Urknallphase hatte sich das Universum bereits deutlich abgekühlt. Jetzt konnten sich Protonen und Neutronen zu leichten Atomkernen verbinden. Dieser Prozess heißt primordiale Nukleosynthese.

Dabei entstanden hauptsächlich die Kerne von Wasserstoff und Helium sowie geringe Mengen anderer leichter Kerne, etwa Lithium. Die chemische Zusammensetzung war noch ausgesprochen einfach. Es gab noch keine großen Mengen Kohlenstoff, Sauerstoff oder Eisen. All diese Elemente mussten erst später entstehen.

Die theoretisch berechneten Häufigkeiten der leichten Elemente stimmen bemerkenswert gut mit astronomischen Beobachtungen überein. Das ist einer der wichtigsten Hinweise darauf, dass das frühe Universum tatsächlich einmal sehr heiß und dicht gewesen ist.

8. 380.000 Jahre später – das älteste Licht des Universums

Nun machen wir einen größeren Zeitsprung. Etwa 380.000 Jahre sind vergangen. Gemessen am Alter des Universums ist das immer noch beinahe nichts.

Bis dahin war der Kosmos von heißem Plasma erfüllt. Freie Elektronen sorgten dafür, dass Licht ständig gestreut wurde und nicht über große Entfernungen ungehindert reisen konnte. Man könnte sich das ein wenig wie dichten Nebel vorstellen.

Dann geschah etwas Entscheidendes. Die Temperatur war inzwischen auf ungefähr 3.000 Kelvin gesunken. Elektronen konnten sich dauerhaft an Atomkerne binden. Es entstanden überwiegend neutrale Wasserstoff- und Heliumatome. Diesen Abschnitt nennen Physiker Rekombination.

Mit der abnehmenden Zahl freier Elektronen wurde das Universum für Licht über große Strecken durchsichtig. Die damals vorhandene Strahlung konnte sich nun weitgehend ungehindert ausbreiten. Und das wirklich Faszinierende daran: Einen Teil dieser uralten Strahlung können wir heute noch messen.

Die kosmische Hintergrundstrahlung

Diese Strahlung wird kosmische Mikrowellenhintergrundstrahlung genannt. Im Englischen spricht man vom Cosmic Microwave Background, kurz CMB.

Durch die Expansion des Universums wurden ihre Wellenlängen im Laufe von Milliarden Jahren immer weiter gedehnt. Was damals eine Strahlung mit einer Temperatur von ungefähr 3.000 Kelvin war, besitzt heute eine Temperatur von nur rund 2,725 Kelvin. Das entspricht etwa minus 270,4 Grad Celsius.

Die Hintergrundstrahlung erreicht uns aus allen Himmelsrichtungen. Sie ist gewissermaßen das älteste elektromagnetische Bild des frühen Universums, das wir direkt beobachten können – nicht vom Urknall selbst, sondern aus einer Zeit rund 380.000 Jahre danach.

Winzige Temperaturunterschiede mit riesigen Folgen

Die Satelliten COBE, WMAP und Planck haben diese Strahlung untersucht. Besonders die europäische Raumsonde Planck lieferte außerordentlich genaue Messungen.

Dabei zeigte sich, dass die Hintergrundstrahlung fast überall dieselbe Temperatur besitzt. Fast. Es gibt winzige Abweichungen. Diese Temperaturunterschiede sind äußerst gering, aber wissenschaftlich von enormer Bedeutung. Sie stehen mit Dichteschwankungen im frühen Universum in Zusammenhang.

Aus solchen anfänglich kleinen Unterschieden konnten unter dem Einfluss der Gravitation später riesige kosmische Strukturen entstehen: Sterne, Galaxien und Galaxienhaufen. Aus winzigen Unterschieden in einem sehr gleichmäßigen frühen Universum konnte über Milliarden Jahre eine ungeheure Vielfalt entstehen.

9. Das dunkle Zeitalter – als es noch keine Sterne gab

Nachdem das Universum durchsichtig geworden war, begann ein Abschnitt, den Astronomen als kosmisches dunkles Zeitalter bezeichnen. Der Name klingt etwas geheimnisvoll. Aber die Erklärung ist recht einfach: Es gab noch keine Sterne, die den Raum mit sichtbarem Licht erhellten.

Der Kosmos bestand hauptsächlich aus Wasserstoff, Helium und Dunkler Materie. Natürlich war das Universum nicht im absoluten physikalischen Sinne ohne Strahlung. Die kosmische Hintergrundstrahlung war weiterhin vorhanden. Doch mit der weiteren Expansion kühlte sie ab und verschob sich zu längeren Wellenlängen.

Während dieser Zeit arbeitete die Gravitation gewissermaßen im Hintergrund. Materie sammelte sich in Regionen etwas höherer Dichte. Besonders die Dunkle Materie spielte bei der Entstehung dieser Strukturen eine wichtige Rolle. Langsam wuchsen dichtere Ansammlungen heran. Die Voraussetzungen für die ersten Sterne waren geschaffen.

10. Die ersten Sterne – endlich begann der Himmel zu leuchten

Irgendwann, vermutlich innerhalb der ersten paar hundert Millionen Jahre, entstanden die ersten Sterne. Den genauen Zeitpunkt kennen wir noch nicht. Die Gravitation hatte große Ansammlungen aus überwiegend Wasserstoff und Helium zusammengezogen.

Das Gas wurde im Inneren immer dichter und heißer. Schließlich entstanden Bedingungen, unter denen die Kernfusion einsetzen konnte. Ein Stern war geboren.

Die ersten Sterne unterschieden sich wahrscheinlich teilweise erheblich von den später entstandenen Sternen. Sie besaßen zunächst praktisch keine schwereren chemischen Elemente, weil diese erst in früheren Sternengenerationen hätten entstehen müssen.

Astronomen sprechen bei der hypothetischen ersten Sterngeneration von Population-III-Sternen. Bis heute ist die direkte Identifizierung solcher ursprünglichen Sterne eine schwierige Forschungsaufgabe. Manche könnten sehr massereich gewesen sein und vergleichsweise kurz gelebt haben.

Ihr Licht und ihre Strahlung veränderten die Umgebung. Zusammen mit den ersten Galaxien trugen sie dazu bei, den neutralen Wasserstoff zwischen den entstehenden kosmischen Strukturen erneut zu ionisieren. Diesen Vorgang nennen wir Reionisation. Damit begann eine neue Phase der Entwicklung des Universums.

Ein Blick mit dem James-Webb-Weltraumteleskop

Heute besitzen Astronomen Instrumente, von denen frühere Forschergenerationen nur träumen konnten. Das James-Webb-Weltraumteleskop untersucht besonders weit entfernte und damit sehr frühe Galaxien.

Im Januar 2026 berichtete die NASA beispielsweise über die bestätigte Galaxie MoM-z14, die wir so sehen, wie sie nur etwa 280 Millionen Jahre nach dem Urknall aussah. Das ist bemerkenswert: Wir blicken damit auf eine Zeit, in der das Universum noch nicht einmal drei Prozent seines heutigen Alters erreicht hatte.

Webb hat außerdem gezeigt, dass sich manche Galaxien im frühen Universum offenbar schneller oder anders entwickelten, als bisherige Modelle erwarten ließen. Solche Entdeckungen werfen neue Fragen auf. Sie bedeuten aber nicht, dass der Urknall widerlegt wäre.

Vielmehr helfen sie uns, die Entstehung der ersten Sterne und Galaxien genauer zu verstehen. Und genau so sollte Wissenschaft funktionieren: Ein Modell muss sich immer wieder an Beobachtungen messen lassen.

11. Aus kleinen Ansammlungen werden gewaltige Galaxien

Mit der Zeit bildeten sich immer mehr Sterne. Die Gravitation sorgte dafür, dass sich kleinere Strukturen miteinander verbanden. Galaxien wuchsen, verschmolzen und veränderten ihre Gestalt. Im Universum entstanden riesige Ansammlungen von Sternen, Gas, Staub und Dunkler Materie.

Unsere Milchstraße ist eine solche Galaxie. Sie enthält schätzungsweise viele Milliarden Sterne und besitzt eine ausgeprägte Scheibenstruktur mit Spiralarmen. Unsere Sonne befindet sich keineswegs in ihrem Zentrum. Sie liegt weit außerhalb davon, in einer Region der galaktischen Scheibe, die dem Orionarm beziehungsweise Orion-Sporn zugeordnet wird.

Und selbst die Milchstraße ist nicht allein. Sie gehört zur Lokalen Gruppe, zu der unter anderem die Andromedagalaxie und zahlreiche kleinere Galaxien zählen.

Auf noch größeren Skalen bilden Galaxien Gruppen, Haufen, Filamente und gewaltige Leerräume. Astronomen sprechen vom kosmischen Netz. Dessen Entstehung lässt sich aus dem Zusammenspiel der frühen Dichteschwankungen, der Dunklen Materie und der Gravitation erklären.

Wenn ich daran denke, wie klein unsere Erde im Vergleich zu diesen Strukturen ist, wird mir erst bewusst, welche Dimensionen wir hier überhaupt betrachten. Ein einzelner Stern ist bereits riesig. Eine Galaxie kann Milliarden solcher Sterne enthalten. Und das beobachtbare Universum beherbergt eine kaum vorstellbare Anzahl von Galaxien.

12. Woher stammen die Elemente, aus denen wir bestehen?

Bis hierher haben wir viel über Wasserstoff und Helium gesprochen. Aber was ist mit all den anderen Elementen? Mit dem Sauerstoff, den wir atmen? Mit dem Kohlenstoff in unserem Körper? Mit Eisen, Silizium oder Calcium?

Diese Elemente stammen zu einem erheblichen Teil aus der Geschichte der Sterne. Im Inneren von Sternen entstehen durch Kernfusion neue Atomkerne. Sterne können beispielsweise aus Wasserstoff Helium erzeugen. Unter geeigneten Bedingungen entstehen später auch schwerere Elemente wie Kohlenstoff und Sauerstoff.

Sehr massereiche Sterne können in fortgeschrittenen Entwicklungsphasen weitere Elemente bilden. Wenn Sterne Materie durch Sternwinde verlieren oder am Ende ihrer Entwicklung Gas in den Weltraum abgeben, reichern sie ihre Umgebung mit solchen Elementen an.

Besonders eindrucksvoll geschieht das bei Supernovaexplosionen. Auch andere kosmische Ereignisse, darunter Verschmelzungen von Neutronensternen, tragen zur Entstehung und Verteilung schwerer Elemente bei. Über viele Generationen wird der interstellare Raum dadurch chemisch vielfältiger.

Wir bestehen tatsächlich aus Sternenmaterial

Dieser Gedanke ist nicht bloß eine schöne poetische Vorstellung. Er hat eine reale physikalische Grundlage. Der Kohlenstoff in unserem Körper wurde durch Prozesse der stellaren Nukleosynthese erzeugt. Auch der Sauerstoff, das Calcium und viele andere Elemente haben eine kosmische Entstehungsgeschichte.

Natürlich stammt nicht jedes Atom unseres Körpers aus einem Stern. Ein großer Teil des Wasserstoffs entstand bereits in der frühen Phase des Universums. Aber viele der schwereren Elemente, ohne die unsere heutige Welt nicht existieren könnte, wurden erst durch Sterne und andere astrophysikalische Prozesse möglich.

Wir sind also nicht nur Bewohner des Universums. Unsere materielle Geschichte ist unmittelbar mit seiner Entwicklung verbunden.

13. Vor 4,6 Milliarden Jahren entstand unser Sonnensystem

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte das Universum bereits Milliarden Jahre Zeit gehabt, um Sterne entstehen und wieder vergehen zu lassen. In unserer Milchstraße gab es inzwischen mit schweren Elementen angereicherte Gas- und Staubwolken.

Vor ungefähr 4,6 Milliarden Jahren begann aus einer solchen Wolke die Entstehung unseres Sonnensystems. Unter dem Einfluss der Gravitation zog sich ein Teil der Wolke zusammen. Dabei bildete sich eine rotierende Scheibe aus Gas und Staub. Im Zentrum sammelte sich der größte Teil der Masse. Dort entstand die junge Sonne.

Das restliche Material bildete nach und nach größere Körper. Kleine Staubteilchen hafteten aneinander. Es entstanden größere Brocken, Planetesimale und schließlich die Vorläufer der Planeten.

In der Nähe der Sonne bildeten sich hauptsächlich Gesteinsplaneten. Weiter draußen konnten sich auch große Mengen leichter Gase und eisreicher Materialien ansammeln. So entstanden die unterschiedlichen Planeten unseres Sonnensystems.

Und irgendwann entstand die Erde

Unsere Erde bildete sich vor ungefähr 4,54 Milliarden Jahren. Anfangs war sie alles andere als der lebensfreundliche Planet, den wir heute kennen. Ihre Oberfläche war über längere Zeiträume hinweg durch gewaltige Einschläge, Aufschmelzungen und vulkanische Prozesse geprägt.

Erst über viele Millionen Jahre entwickelten sich Bedingungen, unter denen dauerhaft flüssiges Wasser existieren konnte. Später entstand Leben. Wie genau der Übergang von unbelebter Chemie zum ersten Leben erfolgte, ist bis heute ein eigenes großes Forschungsgebiet.

Doch eines können wir mit Sicherheit sagen: Die Erde entstand nicht gleichzeitig mit dem Universum. Zwischen dem Urknall und der Entstehung unseres Planeten liegen mehr als neun Milliarden Jahre. Eine gewaltige Zeitspanne, in der die Voraussetzungen für unsere Existenz überhaupt erst geschaffen wurden.

14. Woher wissen wir, dass es wirklich einen Urknall gab?

Jetzt könnte man natürlich sagen: Das klingt alles recht überzeugend. Aber woher wissen die Wissenschaftler, dass es tatsächlich so gewesen ist? Schließlich war vor 13,8 Milliarden Jahren niemand mit einer Kamera dabei. Die Antwort liegt in den Beobachtungen.

Die Urknalltheorie beruht nicht auf einer einzelnen Entdeckung, sondern auf mehreren voneinander unabhängigen Hinweisen.

Die Expansion des Universums

Wir beobachten, dass das Licht weit entfernter Galaxien im Allgemeinen eine kosmologische Rotverschiebung aufweist. Diese Beobachtung passt zu einem Universum, das sich ausdehnt. Rechnen wir die Entwicklung zurück, gelangen wir zu einem früheren Zustand höherer Dichte.

Die kosmische Hintergrundstrahlung

Die Hintergrundstrahlung ist einer der stärksten Belege für die heiße Frühphase des Universums. Ihre Temperatur, ihre fast perfekte Gleichförmigkeit und ihre winzigen Schwankungen stimmen außerordentlich gut mit den Vorhersagen kosmologischer Modelle überein.

Die Häufigkeit leichter Elemente

Auch die beobachteten Mengen von Wasserstoff, Helium und weiteren leichten Elementen entsprechen weitgehend den Berechnungen der primordialen Nukleosynthese.

Die Verteilung der Galaxien

Die großräumigen Strukturen des Universums lassen sich aus den frühen Dichteschwankungen und der anschließenden Entwicklung unter dem Einfluss der Gravitation erklären. All diese Beobachtungen ergeben zusammen ein bemerkenswert geschlossenes Bild.

Das heißt nicht, dass wir bereits alles verstanden hätten. Aber es bedeutet, dass das Urknallmodell auf einer ausgesprochen starken wissenschaftlichen Grundlage steht.

15. Dunkle Materie und Dunkle Energie – der größte Teil bleibt uns verborgen

Und jetzt kommt eine Erkenntnis, die ich beinahe noch erstaunlicher finde als den Urknall selbst. Wir wissen inzwischen ziemlich genau, dass Sterne, Planeten, Gas und die gesamte gewöhnliche Materie nur einen kleinen Teil der heutigen kosmischen Energiedichte ausmachen.

Nach den Ergebnissen der Planck-Mission ergibt sich im kosmologischen Standardmodell ungefähr folgende Aufteilung:

BestandteilAnteil
Gewöhnliche Materie4,9 %
Dunkle Materie26,8 %
Dunkle Energie68,3 %

Anders ausgedrückt: Alles, was aus gewöhnlichen Atomen besteht, macht nur knapp fünf Prozent aus. Das ist schon eine ziemlich beeindruckende Bilanz.

Was ist Dunkle Materie?

Dunkle Materie sendet nach unserem bisherigen Kenntnisstand kein Licht aus, das wir direkt beobachten könnten. Wir erkennen ihre Wirkung jedoch indirekt.

Beispielsweise beeinflusst sie die Bewegungen von Sternen und Galaxien. Auch die Ablenkung von Licht durch Gravitation und die Entstehung großer kosmischer Strukturen liefern Hinweise auf ihre Existenz. Was Dunkle Materie genau ist, wissen wir allerdings noch nicht. Es gibt verschiedene theoretische Kandidaten, aber bisher konnte keiner zweifelsfrei als Erklärung bestätigt werden.

Und was ist Dunkle Energie?

Noch rätselhafter erscheint die Dunkle Energie. Beobachtungen zeigen, dass sich die kosmische Expansion im Laufe der jüngeren Universumsgeschichte beschleunigt hat. Eine mögliche Erklärung ist eine Energieform, die mit dem Raum selbst verbunden ist.

Im kosmologischen Standardmodell wird sie häufig durch Einsteins kosmologische Konstante beschrieben. Doch ob die Dunkle Energie tatsächlich konstant ist oder ob sich hinter den Beobachtungen noch andere physikalische Zusammenhänge verbergen, wird weiterhin untersucht.

Eigentlich erstaunlich, oder? Wir besitzen Weltraumteleskope, Teilchenbeschleuniger und hochpräzise Messinstrumente. Trotzdem verstehen wir die Natur des größten Teils des kosmischen Energieinhalts noch nicht.

16. Was war vor dem Urknall?

Jetzt kommen wir zu der Frage, die wahrscheinlich jeden irgendwann beschäftigt. Wenn vor ungefähr 13,8 Milliarden Jahren die heiße Frühphase unseres Universums begann, was war dann davor?

Die einfachste Antwort lautet: Wir wissen es nicht. Und dabei müssen wir sogar vorsichtig sein, was wir mit dem Wort „davor“ meinen.

Wenn die Zeit selbst erst mit einem bestimmten Anfangszustand entstanden sein sollte, wäre ein zeitliches Davor möglicherweise gar nicht sinnvoll definiert. Allerdings ist auch das keineswegs endgültig geklärt. Es existieren verschiedene theoretische Ansätze.

Ein Universum mit einem früheren Zustand

Einige Modelle beschäftigen sich mit der Möglichkeit, dass unser heute expandierendes Universum aus einer früheren Phase hervorgegangen ist. Dazu gehören sogenannte Bounce-Modelle. Vereinfacht gesagt könnte ein vorheriger Zustand der Kontraktion in eine Expansion übergegangen sein.

In solchen Modellen wäre der heiße Anfang unseres Universums nicht unbedingt der absolute Beginn aller physikalischen Realität. Allerdings fehlt bisher ein eindeutiger Beobachtungsnachweis.

Ein zyklisches Universum

Andere theoretische Überlegungen beschäftigen sich mit wiederkehrenden kosmischen Entwicklungsphasen. Das Universum könnte demnach eine längere Geschichte besitzen, als wir anhand der heutigen Expansion unmittelbar rekonstruieren können. Solche Modelle sind wissenschaftlich interessant, aber keineswegs gesichert.

Das Multiversum

Noch spekulativer sind Ideen, nach denen unser Universum nur eines von mehreren Universen sein könnte. Manche Varianten der Inflationstheorie lassen solche Möglichkeiten zu. Doch bisher gibt es keinen allgemein anerkannten direkten Nachweis für die Existenz anderer Universen.

Und solange entsprechende Modelle nicht ausreichend überprüfbar sind, müssen wir zwischen physikalischer Theorie und gesichertem Wissen unterscheiden. Genau das macht seriöse Wissenschaft aus. Sie muss auch offen sagen können, wenn eine Frage noch unbeantwortet ist.

17. Hat das Universum überhaupt einen Rand?

Wenn das Universum vor Milliarden Jahren sehr viel dichter war und sich heute ausdehnt, könnte man sich fragen, wo eigentlich sein äußerer Rand liegt. Vielleicht gibt es dort eine gewaltige Grenze? Oder dahinter beginnt ein leerer Raum? So einfach ist es leider nicht.

Wir unterscheiden zwischen dem gesamten Universum und dem beobachtbaren Universum. Das beobachtbare Universum umfasst den Bereich, aus dem uns seit der frühen kosmischen Geschichte Licht oder andere Signale grundsätzlich erreichen konnten.

Da sich der Raum während der Reise dieses Lichts weiter ausgedehnt hat, können heute beobachtbare Regionen inzwischen wesentlich weiter entfernt sein, als man allein aus der Laufzeit des Lichts vermuten würde.

Der heutige Radius des beobachtbaren Universums wird im kosmologischen Standardmodell auf ungefähr 46 Milliarden Lichtjahre geschätzt. Das steht nicht im Widerspruch zum Alter von 13,8 Milliarden Jahren. Es ist eine Folge der Expansion des Raumes.

Aber was liegt jenseits des beobachtbaren Bereichs? Das wissen wir nicht direkt. Möglicherweise setzt sich das Universum dort ähnlich fort. Vielleicht ist es insgesamt unendlich groß. Es könnte auch eine endliche räumliche Ausdehnung besitzen, ohne einen gewöhnlichen Rand zu haben. Welche Möglichkeit tatsächlich zutrifft, ist bislang nicht abschließend geklärt.

18. Wird unser Universum eines Tages wieder verschwinden?

Wenn das Universum eine Entwicklungsgeschichte besitzt, stellt sich natürlich auch die Frage nach seiner Zukunft. Wird es ewig weiterwachsen? Könnte es irgendwann wieder zusammenfallen? Oder erwartet uns ein ganz anderes Schicksal?

Die Antwort hängt stark davon ab, welche Rolle Dunkle Energie tatsächlich spielt. Nach dem heute verbreiteten kosmologischen Standardmodell wird sich die Expansion langfristig fortsetzen. Die Abstände zwischen vielen nicht gravitativ gebundenen Galaxien werden weiter anwachsen.

Über äußerst lange Zeiträume wird die Sternentstehung zurückgehen, weil immer weniger geeignetes Gas zur Verfügung steht. Viele Sterne werden das Ende ihrer Entwicklung erreichen.

Die kosmische Zukunft könnte zunehmend von ausgekühlten Sternresten, Schwarzen Löchern und sehr dünn verteilter Materie geprägt sein. Ein solches Szenario wird häufig als Big Freeze bezeichnet. Damit ist kein plötzlicher Kälteschock gemeint. Es beschreibt eine extrem langsame Entwicklung über unvorstellbar lange Zeiträume.

Andere Modelle diskutieren alternative Zukunftsszenarien. Welche davon möglich sind, hängt von Eigenschaften der Dunklen Energie und weiteren physikalischen Fragen ab, die wir noch nicht vollständig verstanden haben.

19. Wenn wir 13,8 Milliarden Jahre auf ein Kalenderjahr verkürzen

Damit wir die gewaltigen Zeiträume etwas besser einordnen können, stellen wir uns ein Gedankenexperiment vor. Wir verkürzen die gesamte Geschichte des Universums auf ein einziges Kalenderjahr.

Der Beginn der heißen kosmischen Entwicklung liegt dann am 1. Januar um Mitternacht. Die Gegenwart erreichen wir am 31. Dezember, unmittelbar vor dem nächsten Jahreswechsel. Dazwischen drängen sich sämtliche Ereignisse der kosmischen Geschichte.

Zeitpunkt im kosmischen KalenderEreignis
1. JanuarBeginn der heißen Urknallphase
Anfang JanuarErste Sterne und frühe Galaxien
Anfang SeptemberEntstehung unseres Sonnensystems
Anfang SeptemberEntstehung der Erde
Im SeptemberFrüheste Spuren irdischen Lebens
31. Dezember, abendsZeitalter der Dinosaurier
31. Dezember, kurz vor MitternachtAuftreten unserer eigenen Art
Letzte Sekunden des JahresSchriftgeschichte und moderne Zivilisation

Die Daten sind bewusst gerundet, aber die Größenordnung macht eines deutlich: Unsere gesamte Menschheitsgeschichte nimmt im Vergleich zum Alter des Universums nur einen winzigen Augenblick ein. Fast alles, was wir als Geschichte bezeichnen, geschah im allerletzten Moment dieses kosmischen Jahres.

20. Was wir heute wissen – und welche Rätsel bleiben

Wenn wir die Entwicklung unseres Universums betrachten, entsteht eine beeindruckende Geschichte. Wir wissen mit hoher Sicherheit, dass sich das Universum ausdehnt. Wir können aus der kosmischen Hintergrundstrahlung wichtige Informationen über seine frühe Entwicklung gewinnen.

Wir verstehen viele Prozesse, durch die aus einfachen Atomkernen später komplexe Materie, Sterne und Planeten entstanden. Und wir besitzen Instrumente, mit denen wir Galaxien beobachten können, deren Licht aus einer Zeit stammt, als das Universum erst wenige hundert Millionen Jahre alt war.

Trotzdem bleiben grundlegende Fragen offen. Was bestimmte den Anfangszustand? Warum blieb mehr Materie als Antimaterie übrig? Welche Teilchen oder physikalischen Prozesse erklären Dunkle Materie? Was ist die Dunkle Energie? War der Urknall der absolute Anfang der Zeit, oder gab es eine noch frühere Phase?

Und warum besitzt unser Universum ausgerechnet die physikalischen Eigenschaften, die wir beobachten? Diese Fragen sind keine Schwäche der modernen Kosmologie. Sie zeigen, dass unser Wissen weiterhin wächst.

Jede neue Beobachtung liefert ein weiteres Stück des großen Puzzles. Manchmal bestätigt sie eine bestehende Theorie. Manchmal zwingt sie uns, bisherige Vorstellungen zu korrigieren. Und gelegentlich stellt sie Fragen, auf die vorher noch niemand gekommen ist.

21. Was bleibt von den alten Mythen?

Erinnern wir uns noch einmal an den Anfang unserer Reise. An das babylonische Urmeer. An das Chaos der Griechen. An Feuer und Eis in der nordischen Schöpfungserzählung. Und an die Menschen, die vor Tausenden Jahren unter einem dunklen Sternenhimmel saßen und versuchten, ihre Welt zu verstehen.

Die Antworten haben sich grundlegend verändert. Heute erklären wir die Entstehung kosmischer Strukturen nicht mehr durch Kämpfe zwischen Göttern. Wir untersuchen Gravitationswirkungen, elektromagnetische Strahlung, Kernreaktionen und die Entwicklung der Raumzeit.

Wir können Messungen wiederholen und Vorhersagen überprüfen. Das unterscheidet wissenschaftliche Modelle grundlegend von mythologischen Erzählungen. Und doch verbindet beide etwas Menschliches: die Neugier. Der Wunsch zu verstehen, woher wir kommen.

Die alten Mythen sind ein Teil unserer Kulturgeschichte. Die moderne Kosmologie ist der Versuch, die physikalische Geschichte des Universums anhand überprüfbarer Beobachtungen zu rekonstruieren.

Beides erzählt uns auf sehr unterschiedliche Weise etwas über den Menschen. Nämlich, dass wir offenbar nie aufgehört haben, Fragen zu stellen.

22. Mein Fazit: Wir sind ein winziger Teil einer gewaltigen Geschichte

Wenn ich heute den Sternenhimmel betrachte, sehe ich natürlich nicht direkt den Urknall. Ich sehe Sterne, vielleicht ein paar Planeten und bei guten Bedingungen das Band unserer Milchstraße. Mit einem Teleskop oder einer Kamera lässt sich noch sehr viel mehr entdecken.

Doch hinter jedem dieser Lichtpunkte steckt eine Geschichte. Manche Sterne sind jünger als unsere Sonne. Andere entstanden schon vor Milliarden Jahren. Einige Galaxien sind so weit entfernt, dass uns ihr Licht einen Zustand zeigt, der längst Vergangenheit ist.

Astronomie bedeutet deshalb immer auch, zurück in die Zeit zu schauen. Und genau darin liegt für mich einer ihrer größten Reize.

Wir stehen auf einem kleinen Planeten, der einen durchschnittlichen Stern umkreist, irgendwo in einer Galaxie unter Milliarden anderen. Trotzdem haben wir gelernt, das Alter des Universums zu bestimmen, die Strahlung aus seiner frühen Geschichte zu messen und die chemische Herkunft vieler unserer eigenen Atome zu erklären. Das ist doch eigentlich unglaublich.

Vielleicht werden wir eines Tages auch verstehen, was den Beginn unseres Universums bestimmte. Vielleicht entdecken wir physikalische Zusammenhänge, die heute noch völlig außerhalb unserer Vorstellungskraft liegen. Oder wir erkennen, dass manche unserer Fragen anders gestellt werden müssen.

Bis dahin bleibt uns etwas, das mindestens genauso wertvoll ist: Die Möglichkeit, immer weiter zu forschen, zu beobachten und zu lernen.

Vor rund 13,8 Milliarden Jahren begann die heiße kosmische Geschichte, die wir heute rekonstruieren können. Irgendwann entstanden Sterne, Galaxien und Planeten. Und schließlich entwickelte sich auf einem dieser Planeten Leben, das heute nach seinem eigenen Ursprung fragt.

Ich finde, das ist eine ziemlich faszinierende Geschichte. Und sie ist noch lange nicht zu Ende.


Viele Grüße

Ingo von Foto-Gorilla.de


Häufig gestellte Fragen zur Entstehung des Weltalls

Wie alt ist das Universum?

Nach dem kosmologischen Standardmodell ist unser Universum ungefähr 13,8 Milliarden Jahre alt. Diese Altersbestimmung stützt sich besonders auf Messungen der kosmischen Hintergrundstrahlung und die beobachtete Expansion.

Wo fand der Urknall statt?

Nach dem heutigen Verständnis fand der Urknall nicht an einem bestimmten Ort innerhalb eines bereits vorhandenen Raumes statt. Die frühe Expansion betraf den Raum selbst. Deshalb gibt es keinen bekannten Mittelpunkt des Urknalls.

Was gab es vor dem Urknall?

Das ist bisher unbekannt. Manche theoretischen Modelle lassen einen früheren Zustand zu. Andere Möglichkeiten würden bedeuten, dass die uns bekannte Zeit selbst einen Anfang besitzt. Keine dieser Fragen ist abschließend beantwortet.

Wann entstanden die ersten Sterne?

Die ersten Sterne bildeten sich vermutlich innerhalb der ersten paar hundert Millionen Jahre nach dem Urknall. Ihr genauer Entstehungszeitpunkt ist weiterhin Gegenstand der Forschung.

Kann man den Urknall mit einem Teleskop sehen?

Nein, nicht direkt. Die älteste elektromagnetische Strahlung, die wir beobachten können, stammt aus einer Zeit etwa 380.000 Jahre nach dem Beginn der heißen Urknallphase. Sie wird kosmische Mikrowellenhintergrundstrahlung genannt.

Dehnt sich das Weltall immer weiter aus?

Die Beobachtungen zeigen, dass sich das Universum gegenwärtig ausdehnt und die Expansion beschleunigt ist. Nach dem kosmologischen Standardmodell dürfte sich diese Entwicklung langfristig fortsetzen. Die genaue Zukunft hängt jedoch von den Eigenschaften der Dunklen Energie ab.

Quellen und weiterführende Informationen

Die wissenschaftlichen Aussagen des Beitrags orientieren sich insbesondere an folgenden Veröffentlichungen und Forschungseinrichtungen:

NASA – The Universe: Overview

NASA – Webb: Das frühe Universum

NASA – Webb und der Urknall

NASA – MoM-z14, frühe Galaxie 280 Millionen Jahre nach dem Urknall (2026)

ESA – Planck: Wissenschaftliche Ergebnisse

American Institute of Physics – Die Expansion des Universums

Metropolitan Museum of Art – Babylonische Schöpfungsmythen

Französisches Kulturministerium – Das Enūma-eliš

Wie hilfreich war dieser Artikel?

Ähnliche Beiträge